Vom Frust des Übersetzens – Wenn sich Übersetzer und Verlag uneins sind

Nachtrag März 2016: Da es immer wieder Zugriffe auf diesen Beitrag gibt, möchte ich an dieser Stelle noch erwähnen, dass er jetzt drei Jahre alt ist. Seitdem habe ich nur noch gute Erfahrungen als Übersetzer gemacht und arbeite in diesem Beruf  inzwischen hauptberuflich

Demnächst erscheint wieder eine Übersetzung von mir, für die ich aber nicht groß Werbung machen werde, da es zwischen dem Verlag und mir gewisse Unstimmigkeiten gab. Ich werde da keine Namen nennen und trage dem Verlag auch nichts nach. Werde diesen Beitrag hier aber mal dafür nutzen, zu schildern, wie eine Zusammenarbeit suboptimal laufen kann.

Ich hatte meine Übersetzung eingereicht, und bereits 20 Minuten später bat mich der Verlag, ob er seinen nächsten (schon an mich vergebenen) Auftrag zurückziehen könne, meine Übersetzung lese sich echt nicht gut. Kein Problem kann ich verstehen, habe auch zugestimmt.

Von meiner Übersetzung habe ich dann nichts mehr gehört, außer dass der Lektor sie miserabel finden würde. Das ist auch völlig legitim. Ich gebe gerne zu, dass sich meine Übersetzung nicht so gut liest. Das liegt zum einen daran, dass das Original schon nicht gut geschrieben ist und vor Fehlern nur so strotzt (zum Beispiel wechselt der Name einer Figur ständig zwischen zwei unterschiedlichen Versionen, teilweise auf der selben Seite), zum anderen, dass ich mich sehr unsicher dabei fühlte, in der Übersetzung stark vom Original abzuweichen. Da hat mir als Anfänger das Selbstvertrauen für gefehlt. Auch ist die Übersetzung unter großem Zeitdruck entstanden, da ich schrecklich viel für die Uni zu tun hatte, und ihr nicht die notwendige Sorgfalt gewidmet habe. Das soll aber alles keine Entschuldigung sein. Am Ende zählt das Ergebnis, und das hat sich nicht gut gelesen.

Wie ich mir danach vorgenommen habe, meine Arbeitsweise zu verändern, um bessere Arbeit abzuliefern, habe ich schon in einem älteren Beitrag bzgl. Selbstkritik geschrieben. Ich hoffe und denke, dass mir das auch gelungen ist. Die nächste Übersetzung wird es zeigen.

Was mir persönlich aber an der Zusammenarbeit mit dem Verlag nicht gefallen hat, ist, dass ich bis auf eine kurze Pauschalkritik keinerlei Feedback zu meiner Übersetzung bekommen habe. Auch keine Datei mit den Änderungen. Nicht einmal die Fahnen zum Korrekturlesen. Ich habe also keine Ahnung, was da unter meinem Namen erscheinen wird.

Auch das ist wohl bei einigen Verlagen üblich, und es gibt auch Übersetzer, denen das nur recht ist. Bedeutet für sie weniger unbezahlte Arbeit. Mir als Anfänger, der sich möglichst schnell weiterentwickeln und verbessern will, bringt es aber nichts, und ich mag es auch nicht, dass mein Name auf einer Übersetzung steht, von der ich nicht weiß, wie sie aussehen wird und was vom Lektorat alles verbessert bzw. geändert wurde.

Bei Golkonda und auch bei Atlantis habe ich die Korrekturen der Lektoren bekommen und ihnen zu 90% auch zugestimmt. Bei manchen (zumindest bei einem der beiden Verlag) gab es zu einigen wenigen Stellen Diskussionen (immer auf freundschaftlicher Ebene), und teilweise habe ich mich auch durchsetzen können. Das war eine Zusammenarbeit, die mir (und hoffentlich auch den Verlagen) wirklich etwas gebracht hat. Bei Golkonda hat sich der Lektor sogar mit mir persönlich für zwei Stunden zusammengesetzt, um die Übersetzung durchzugehen (was aber sicher eine Ausnahme ist, weil ich eben Anfänger bin und wir hier in Berlin sowieso Kontakt zueinander haben).

Der Verlag, der mir keine Korrekturen geschickt hat, arbeitet eben nicht so. Ist auch in Ordnung, ich weiß es jetzt und habe meine Lektion gelernt. Ich hätte ja auch vorher fragen können, wie die Zusammenarbeit ablaufen wird. Habe ich nicht gemacht. Mein Fehler. Ich bin dem Verlag trotzdem dankbar, dass er mir eine Chance gegeben hat.

Die Übersetzung, die ich meine, ist noch nicht erschienen, aber ich habe jetzt eine Leseprobe gefunden. Es ist sicher einiges an meinem Text verbessert worden. Es liest sich flüssiger (soweit ich das nach drei Seiten Leseprobe beurteilen kann). Auch wenn ich überzeugt bin, dass die Übersetzung noch besser geworden wäre, wenn der Lektor mit mir zusammengearbeitet hätte, aber das ist reine Spekulation.

Wenn ich allerdings in der Leseprobe schon auf der zweiten Seite einen solchen Satz lese:

Mit diesen Worten ließ sie im Dunkeln zurück.

wundere ich mich doch sehr darüber, dass man mir vorgeworfen hat, unsauber zu arbeiten. Dass man am Anfang des Textes doch besondern sorgfältig arbeiten würde, um direkt einen guten Eindruck zu machen (was ich wohl nicht gemacht habe). Und dann steht in der lektorierten Fassung direkt am Anfang ein solcher Klops (Klöpse gleich zu Beginn wurden mir vorgeworfen).

Bei mir hieß der Satz noch:

Sie ließ sie im Dunkeln zurück.

Im Original heißt es übrigens:

She left in the dark.

Ist schon klar, der Lektor wollte sich noch auf die wörtliche Rede beziehen, die direkt davor stand, hat Mit diesen Worten eingefügt und beim Satzumbau ein Wort vergessen. Ist mir auch schon passiert.

Trotzdem ärgert es mich sehr. Wenn Fehler von mir im Text sind, die einfach übersehen wurden, weil ich zu viele gemacht habe, ist ja in Ordnung. Aber Text von mir geändert und dann Fehler drin. Das finde ich nicht in Ordnung. Das sind Verschlimmbesserungen. Wenn man mir schon mit deutlichen Worten und ohne Angaben gravierende Fehler und eine schlechte Übersetzung vorwirft, dann sollte die verbesserte Version auch wirklich besser und fehlerfrei sein.

Wenn der Lektor viel am Text des Übersetzers ändern muss, und dabei viele Sätze umbaut, dann ist das für ihn natürlich viel Arbeit und anstrengend, da passieren zwangsläufig Fehler. Vor allem das Wörter dabei „verschluckt“ werden. Aber gerade dabei hilft es doch, wenn der Übersetzer dann noch einmal über die verbesserte Fassung drüber schaut. Ich hätte diesen Fehler entdeckt. Schließlich habe ich ihn ja gerade entdeckt.

Für den Verlag sind solche Fehler doch auch ärgerlich. Ich kann diese Arbeitsweise durchaus nachvollziehen. Der Lektor arbeitet die Übersetzung an wenigen Tagen durch, dann geht es weiter zur nächsten. Eine weitere Auseinandersetzung mit dem Übersetzer kann da viel Zeit und Nerven kosten. Ich habe schon die heftigsten Geschichten über kriegerische Auseinandersetzungen mit dem Lektorat von Übersetzerkollegen gehört. Es nicht zu tun ist aber eine Massenabfertigung, bei der am Ende nicht das bestmögliche Ergebnis rauskommt.

Kann ja gut sein, dass die Fehler in der gedruckten Fassung nicht mehr drin sein werden, gute Werbung ist eine solche Leseprobe auf der Verlagshomepage aber trotzdem nicht. Wenn ich die Belegexemplare erhalten habe, werde ich berichten, ob es noch korrigiert wurde.

Auch wenn sich die verbesserte Fassung wirklich besser lesen sollte als meine ursprüngliche Übersetzung, sind für meinen Geschmack dabei einige Sachen hinzugedichtet worden, die zu sehr vom Original abweichen.

Fassung des Lektors:

Aber sie konnte nicht sprechen, weil ihr Gott bei der Geburt keine Stimmbänder mit auf den Weg gegeben hatte.

Meine Fassung:

Aber sie konnte nicht sprechen – sie ist ohne Stimmbänder geboren worden.

Im Original steht:

But she couldn‘t speak – she‘d been born without vocal chords.

Da bin ich womöglich zu dicht am Original geblieben. Besser wäre vielleicht das hier gewesen:

Aber zu sprechen vermochte sie nicht, da sie ohne Stimmbänder auf die Welt gekommen war.

Oder:

Da sie aber ohne Stimmbänder geboren worden war, konnte sie nicht sprechen.

Von Gott steht im Original aber nichts (ich weiß, dass sagt man nur so, ohne es wörtlich zu meinen, aber trotzdem). Die Person, um die es geht und aus deren Perspektive erzählt wird, ist nicht nur physisch sondern auch psychisch behindert und nur sehr eingeschränkt zu eigenständigem Denken fähig. Der Satz mit Gott impliziert meiner Meinung nach, dass sie ein zumindest rudimentäres Verständnis vom Konzept „Gott“ habe. Später im Text wird aber klar, dass dies nicht der Fall ist. Für meinen Geschmack ist das zu viel Abweichung vom Original. Da kann ich nicht mit meinem Namen für Einstehen.

Eigentlich wollte ich nur kurz auf der Verlagshomepage nachschauen, wann das Buch erscheint. Bin dann aber auf die Leseprobe gestoßen und war natürlich neugierig, was da jetzt alles verändert wurde. Und als ich diesen Fehler entdeckt habe, kam der Ärger aus dem letzten Jahr wieder ein wenig hoch und musste an dieser Stelle raus.

Dadurch habt ihr jetzt mal einen Einblick erhalten, wie frustrierend die Arbeit als Übersetzer auch sein kann.

Ich habe bisher nur die ersten beiden Seiten der Leseprobe gelesen. Den Rest schaue ich mir morgen in Ruhe an.

10 Gedanken zu “Vom Frust des Übersetzens – Wenn sich Übersetzer und Verlag uneins sind

  1. Wahnsinns-Eintrag. Wunderbarer Einblick in die kleinen epischen Kämpfe, auf die man sich als Übersetzer einlässt. Ganz besonders Heldenhaft finde ich, wie Du offenlegst, wie man als unerfahrener Übersetzer zuweilen den Halt verliert, unsicher wird, vor allem bei Texten, die im Original nicht gerade durch Top-Schreibe glänzen.

  2. Danke Molo!

    Was für ein Timing. Während ich beim Golkonda-Stammtisch sitze, wo deine Übersetzungen sehr lobend besprochen und deine Porträtzeichnungen rumgezeigt wurden, und es auch bedauert wurde, dass du für das Treffen zu weit weg wohnst, schreibst du zeitgleich hier einen Kommentar. 🙂

    Und noch Herzlichen Glückwunsch zur Nominierung für den Kurd Lasswitz Preis als bester Übersetzer für Ted Chiangs famose SF-Kurzgeschichtensammlung »Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes«. http://golkonda-verlag.de/cms/front_content.php?idcat=128&lang=1

  3. P.S. wusste gar nicht, dass es hier „gefällt mir“ Buttons gibt.

  4. Ohne auf alles andere einzugehen – dazu hab‘ ich gerade keine Zeit -, will ich nur sagen, dass ein Verlag, der an einer Übersetzung massive Änderungen vornimmt und dem Übersetzer anschließend keine Möglichkeiten gibt, sich die redigierte Übersetzung anzusehen und im Zweifelsfall seinen Namen zurückzuziehen, absolut unprofessionell agiert.
    Und das hat nichts damit zu tun, wie gut oder wie schlecht die Übersetzung vorher war. Sondern nur damit, sich an die allgemein üblichen Spielregeln zu halten.

  5. Ach ja: die Sache mit dem Gott aus der Redewendung-Maschine geht gaaar nicht. Nicht nur, wegen Gott an sich, sondern brunzipiell, weil zumindest ich es für ›Hrnch‹ bis ›Argh‹ erachte, Redewendungen einzufügen, wo keine waren & es auch keine braucht. — Es *kann* durchaus vorkommen, dass der Kontext, bzw. der holistische Blick auf einen Text Ausnahmen von dieser (meiner?) Daumenregel empfiehlt & damit billante Lösungen erwachsen. Kann sein! Ausnahme!!!

  6. @Gerd
    Danke für den Kommentar und das du dir die Zeit zum Lesen meines Eintrags genommen hast.

  7. Pingback: translate or die | Update zum Eintrag “Vom Frust des Übersetzens”

  8. Hallo und danke für den Beitrag hier. In der Hoffnung, dass mittlerweile Gras über die Sache gewachsen ist und du dich nicht mehr ärgerst…

    Ich hab deine Position und deinen Ärger (von Übersetzern generell) schon damals verstehen können, als ich den Beitrag zum ersten Mal las. Und ich verstehe ihn auch jetzt. Allerdings brennt mir ein wenig Kritik auf der Seele. Sie hat mit der Kommunikation zwischen Verlag und Übersetzer nichts zu tun, sondern betrifft zunächst allein den Übersetzer.

    Ich habe jetzt sowohl übersetzt als auch lektoriert, Letzteres öfter. Mir fiel an deinen Beispielen oben auf, dass ich, als ich dies aus der Sicht des Lektors las, fast alles anstreichen würde, auch wenn ich mit dem Lektor, dessen Beispiele du nennst, nicht übereinstimme (das mit ‘Gott bei der Geburt’ mag ich nicht besonders). Klar, es gibt sicher so verschiedene Fassungen wie Übersetzer und so viele Revisionen wie Lektoren. Aber kreative Freiheit von Übersetzern ist doch nichts wert, wenn man nicht auf die Grundlagen achtet. Die Zeitformen sollten richtig wiedergegeben oder wenn dann nur mit gutem Grund und konsequent (durchgängig) geändert werden. Beim Lektorieren habe ich mit Übersetzungen, die das nicht tun, eine Menge Arbeit. Erzählsituation und –stimme ändern sich massiv, wenn die Zeit geändert wird. Bis hin zu den Fällen, in denen der Text vom Leser dann anders verstanden wird und die Feinheiten ganz rausfliegen.

    “she´d been born” hast du in deiner Selbstkorrektur auch so wiedergegeben: “geboren worden war”.

    “She left in the dark.”
    ‘Sie ließ sie im Dunkeln zurück’ hätte ich auch geändert; zweimal ‘Sie’ klingt in so einem kurzen Satz nicht. Aber es gibt noch einen anderen Grund. Und der geht auch in der Fassung des Lektors (mal abgesehen von seinem vergessenen Subjekt) völlig unter. “She left in the dark” zeigt mir beim Lesen das Bild einer Frau, die im Dunkeln oder ins Dunkle fortgeht. ‘Sie ließ sie im Dunkeln zurück’ zeigt aber doch ein ganz anderes Bild: Eine Frau, die von einer anderen Frau im Dunkeln zurückgelassen wird. Der zielgerichtete Bildausschnitt ist weg, die Kamera zeigt etwas anderes. Selbst die Story, wenn man so will, hat jetzt einen anderen Schwerpunkt.
    Wenn man vom Übersetzen redet, sollte man sich das bewusst machen. Das sind Punkte, die mir beim Lektorieren auffallen, wenn ich ins Original hineinschaue. Und ins Original hineinzuschauen, weil man dem deutschen Text nicht mehr vertraut, ist viel mehr Arbeit.

    Der Autor hat sich in der Regel etwas dabei gedacht, wenn er eine bestimmt Zeit oder eine bestimmte Perspektive wählt – auch bei Texten, die mir persönlich nicht gefallen. Das ist die Einstellung, die mich beim Übersetzen bislang gut vorangebracht hat.

    Viele Grüße und weiterhin viel Erfolg,
    André

    • Hallo André,

      danke für deine ausführlichen Kommentar. Über die Sache ist schon lange Gras gewachsen und ich ärgere mich nicht mehr. Hauptsächlich hatte ich mich damals auch nicht über die Änderungen, sondern über die mangelnde Kommunikation geärgert.

      »She left in the Dark.« lässt sich auch nicht so einfach übersetzen, da das deutsche »verlassen« immer einen Bezug braucht.
      »Sie verlässt den Raum. Sie lässt sie im Dunkeln zurück.«
      »She left« kann man ja mit »verlassen« gar nicht übersetzen. Das müsste dann »Sie ging« heißen. »Sie ging im Dunkeln«, hört sich aber auch nicht so toll an. Eine wirklich adäquate Übersetzung ist in dem Fall gar nicht möglich.

      Das war bisher auch meine einzige negative Erfahrung mit einem Verlag und einem Lektorat. Ansonsten habe ich nur positive Erfahrungen mit Lektoren gemacht, die meine Übersetzungen zu einem besseren Text gemacht haben. Eine Zusammenarbeit, die ich sehr zu schätzen weiß. Ich würde meine Übersetzungen auch nicht ohne ein ordentliches Lektorat veröffentlichen wollen.

      Beste Grüße Markus

      • Ja, das stimmt.
        Ich würde daraus machen: Sie ging im Dunkeln davon. Oder: Sie lief im Dunkeln fort. Da hätte man wenigstens den Sound von „left“ im „lief“ wiedergegeben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s