Parque Oziel – Eintrag 4: Wir von außen

Heute noch den kurzen Rest aus dem ersten Kapitel meiner Diplomarbeit. Nächste Woche geht es dann mit einem längeren Teil aus Kapitel 2 weiter, in dem es um die zentrale Fragestellung meiner Arbeit geht.

1.4  Wir von außen

Wir sind Abenteurer, die vertrauten Boden verlassen und in unbekannte Gefilde vordringen.

Ich glaube, die echten Feldforscher und die echten Feldforscherinnen in der Soziologie und Ethnologie sind mehr Abenteurer als großartige Experimentierer oder ausufernde Theoretiker, sie haben etwas von Eroberern und Konquistadoren, im positiven Sinn, an sich, die fremde Lebenswelten kennenlernen wollen und sie so erobern (Girtler 2001, S.11).

Wir sind aber auch Eindringlinge; Fremde, die in eine verschworene Gemeinschaft vorstoßen und mit Skepsis betrachtet werden. Nach unserer Ankunft in Campinas reagierte die ehemalige Bildungsministerin Corinta sehr skeptisch, als wir ihr mitteilten, dass wir nur sieben Wochen Zeit für unser Projekt hätten. Sie meinte, es sei sehr schwierig und langwierig das Vertrauen der Bewohner von Parque Oziel zu gewinnen, da sie Fremden gegenüber sehr reserviert reagieren würden. Es waren schon viele „Leute von der Uni“ in Oziel und haben dort geforscht und sind wieder verschwunden, ohne dass man in Oziel je wieder etwas von ihnen gehört hat. Corinta versuchte uns zu überreden unseren Aufenthalt zu verlängern. Doch das was uns leider nicht möglich. Es musste also in der kurzen Zeit gehen. Und es ging.

Dass Andreas und Thomas uns bereits ein halbes Jahr vorher angekündigt haben, hat sicher dazu beigetragen, dass der Canarion uns von Anfang an offen begegnet ist. Eine seiner ersten Fragen war, was wir für die Bewohner von Oziel tun können. Es war eine durchaus berechtigte Frage. Immerhin würden der Canario und seine Mitarbeiter auch einiges an Zeit in unser Projekt investieren. Es war auch unser Anliegen, ihnen etwas zurückgeben zu können. Ich hoffe sehr, dass uns dies auch gelungen ist.

Vertrauen

Wir waren die Eindringlinge, die Studenten aus Deutschland, die Leute von der Universität. Wir waren Fremde, die sich in eine Welt begaben, die uns unbekannt war. Eine fremde Sprache, fremde Sitten und Gebräuche. So wie diese Welt fremd für uns war, waren wir auch fremd für diese Menschen.

Deshalb war unser erstes Anliegen Vertrauen zu schaffen. Den Menschen zeigen, dass wir keine Forscher aus dem Elfenbeinturm waren, sondern ganz normale Menschen wie sie auch. Wir mussten eine gemeinsame Sprache finde. Dies taten wir über die Kinder. Wir spielten mit ihnen Fußball, Volleyball, Pingpong. Wir halfen ihnen am Computer, wir hörten ihnen zu und erzählten von Deutschland.

Die Schattenseiten

Drogen, Drogenhandel, organisierte Kriminalität, Gewalt, Schusswaffen, Kinderprostitution. Auch wenn man uns freundlich aufgenommen hat und wir uns frei in der Favela bewegen konnten, hat man versucht, uns von dieser Problematik weitestgehend fernzuhalten. Wir haben nur die „offizielle“, die Sonnenseite kennengelernt. Sicher, die Armut, der Müll, die hygienischen Probleme waren so offensichtlich, dass wir sie bemerken mussten. Über diese Themen wurde auch relativ offen mit uns geredet. Aber von den oben genannten Themen haben wir so gut wie nichts mitbekommen. Wenn dann nur über Außenstehende die die Favela besser kennen als wir – wie z.B. Prof. Fichtner oder Prof. Wanderley.

Anmerkung: Wer alle bisherigen Artikel zu Parque Oziel sehen will, muss ein hier klicken: hier

 

Ein Gedanke zu “Parque Oziel – Eintrag 4: Wir von außen

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