Freiheit vs. Sicherheit – meine Gedanken zum Freiberuflertum

Freiberufler – das Schönste an diesem Beruf ist der Teil mit dem „Frei“. Und das Gegenteil von Frei ist in unserer demokratischen Gesellschaft meist nicht mehr Gefangenschaft sondern Sicherheit. Und genau darum geht es in diesem Blogeintrag – die Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit.

Als Übersetzer arbeitet man nämlich nicht als Angestellter in einem Unternehmen (Verlag), sondern auf eigene Faust, also freiberuflich. Man ist sein eigener Boss, kann sich die Zeit selbst einteilen und arbeiten, wann man will. Gibt es einen schönen sonnigen Frühlingstag, dann kann man die Arbeit auch ruhen lassen und in die späteren Abendstunden verschieben. Mann kann ausschlafen, aufstehen, wann man will und ist sehr flexibel in der Einteilung der Freizeit.

Wer schon mal studiert hat, kennt dieses Leben eventuell schon teilweise. Da gab es zwar feste Arbeitszeiten, wenn man Seminare an der Uni besuchen musste, aber den Hauptteil der Arbeit, wie Texte lesen, Essays schreiben, Hausarbeiten verfassen, recherchieren und für Klausuren lernen, konnte man sich frei einteilen. In den Semesterferien fallen die Arbeits-/Seminarzeiten sogar ganz weg, sofern man kein Praktikum absolvierte oder einem Ferienjob nachging.
Hört sich alles ganz toll an, vor allem nach dem jahrelangen Zwang der Schule. Aber, mit diesen Freiheiten muss man erst einmal klarkommen. Ich vermute, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Hausarbeiten, erst auf den letzten Drücker, also ca. 3 Tage oder weniger vor dem Abgabetermin verfasst werden. Meist, nachdem man zuvor 6 Monate oder mehr fröhlich faul die Ferien genossen hat. Ich habe nicht wenige Studenten kennengelernt, die mit dieser Freiheit nicht zurechtkamen, die Kurve im Studium nicht rechtzeitig gekriegt haben und es abbrechen mussten. Ich habe die Kurve immer noch rechtzeitig bekommen, mein erstes Studium erfolgreich abgeschlossen und befinde mich in meinem Zweitstudium auf einem guten Weg.

Wenn man als Freiberufler arbeitet, sieht es ganz ähnlich aus. Man bekommt einen Auftrag und einen Abgabetermin, aber alles was dazwischen passiert, ist einem selber überlassen. Die Einhaltung der Abgabetermine ist eine der wichtigsten Referenzen für zukünftige Aufträge, deshalb sollte man sie auch unbedingt einhalten.
Um das zu schaffen, bedarf es einiger Selbstdisziplin. Am besten setzt man sich feste Arbeitszeiten bzw. ein Tagespensum, das man unbedingt versucht einzuhalten. Man sollte nicht bis ans Ende der Auftragsspanne warten, bis man anfängt, richtig zu arbeiten, sondern von Anfang an kontinuierlich.

Freiheit = Selbstdisziplin

Es gibt keine festen Arbeitszeiten. Das hört sich erst mal schön an. In meiner Zeit als Angestellter (Sozialpädagoge in einer Suchtklinik) habe ich es immer gehasst, morgens um 7.00 Uhr aufstehen zu müssen, um dann pünktlich um 8.00 Uhr auf der Arbeit zu erscheinen, um dort dann bis Punkt 17.00 Uhr „festzusitzen“.
Das Schöne war aber, wenn ich nach Feierabend nach Hause kam, dann hatte ich auch wirklich Feierabend. Allein schon aus Datenschutzgründen durften wir keine Arbeit mit nach Hause nehmen. Als Student und auch als Freiberufler gibt es zwar keine festen Arbeitszeiten, aber eben auch keinen festen Feierabend und kein Wochenende. Ich sitze auch schon mal bis nach Mitternacht an einem Text oder einer Übersetzung, und natürlich auch am Wochenende. Vor allem wenn der Abgabetermin näher rückt, ist eine sieben Tage Woche die Regel.

Jetzt kommen wir zum Thema Sicherheit. Als Angestellter ist man in festen Strukturen verankert bzw. gefangen. Man hat Vorgesetzte, Kollegen, Dienstvorschriften usw., aber man hat auch ein festes, regelmäßiges Gehalt und muss sich keine Sorgen um die Krankenversicherung machen.
Als Freiberufler ist man sein eigener Chef, arbeitet zu einem Großteil für sich selbst (bis es dann ans Lektorat geht), hat aber auch keine Sicherheit. Es gibt kein festes Gehalt. Man wird nach Aufträgen bezahlt, und die muss man erst einmal bekommen. Das ist schon richtig Arbeit, bevor es überhaupt ans Übersetzen geht. Man muss sich auch schon um den nächsten Auftrag kümmern, während man am aktuellen sitzt. Sonst könnte es finanziell eng werden. Und dabei muss man auch noch darauf achten, dass sich die Aufträge zeitlich nicht zu sehr überschneiden. Das ist oft ein terminlicher Drahtseilakt.
Eine sichere Lebensplanung mit Familie und Hausbau wird dadurch nicht unbedingt erleichtert. Man weiß ja nie, wie die Auftragslage in einigen Monaten aussieht. Ich kenne einige Übersetzer, die von ihrer Arbeit gut leben können – mit Familie und Haus. Aber ich habe auch welche kennengelernt, bei denen es nicht so rosig aussieht. Die immer am Existenzminimum knabbern, Hartz IV beantragen müssen, oder noch andere Jobs haben.

Das alles sollte man als Berufseinsteiger berücksichtigen. Vor allem am Anfang, kann es finanziell eng werden. Denn man muss sich erst einmal einen Namen machen, um regelmäßig Aufträge zu bekommen. Und beim ersten Auftrag geht man finanziell in Vorleistung, da man erst nach Abgabe der Übersetzung bezahlt wird. Auf dem Berufseinsteigerseminar des deutschen Übersetzerverbandes wurde empfohlen, nur in den Beruf einzusteigen, wenn man über ein finanzielles Polster als Rückendeckung verfügt. (Von der geringen Bezahlung vieler Aufträge will ich in diesem Blogeintrag gar nicht erst anfangen.)

Oft ist es auch so, dass man als Freiberufler sehr viel mehr Arbeitszeit aufbringen muss, um auf dasselbe Niveau zu kommen, dass man als Angestellter verdienen würde. Das gilt auch für andere Branchen. Da muss man schon großen Spaß an der Arbeit haben, um das mitzumachen.

Ob ich einen vollberuflichen Einstieg als Übersetzer, der von seiner Arbeit auch leben kann, schaffe, weiß ich nicht. Momentan bin ich davon noch weit entfernt. Aber ich habe noch zwei Semester Zeit, bis ich mein Studium abschließen werde. Spätestens in einem Jahr wird sich zeigen, wie es für mich beruflich weitergehen wird. Denn dann werde ich es mir nicht mehr leisten können, nur gering oder gar nicht bezahlte Aufträge zu übernehmen. Momentan versuche ich mir damit einen Namen zu machen (bzw. eine vorweisbare Bibliografie), Erfahrungen zu sammeln, Kontakte zu knüpfen und Spaß an der Arbeit zu haben. Ob ich auch das Zeug zum Übersetzer habe, werde ich eventuell in den nächsten Wochen erfahren, wenn ich Probeübersetzungen an zwei kleine, renommierte Verlage abgebe und damit Feedback aus weiteren Quellen bekomme. Morgen werde ich ein Probekapitel bei einem kleinen, aber feinen Berliner Verlag einreichen. Und auch wenn der Verlag nicht damit zufrieden sein wird, werde ich darüber in diesem Blog berichten, da ich auch berufliche Rückschläge den Lesern nicht vorenthalten möchte.

Ein Gedanke zu “Freiheit vs. Sicherheit – meine Gedanken zum Freiberuflertum

  1. tja, man hat halt die Qual der Wahl. Vorteile hat beides, hast du ja schön beschrieben. Aber wenn man an die nächsten 20 Jahre und mehr denkt, was ist da schon sicher?

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