Arbeitsaufwand versus finanzielle Vergütung: Was man beim Übersetzen bedenken sollte

Kürzlich habe ich darüber berichtet, dass ich meine aktuelle Übersetzung beim Verlag abgegeben habe. Doch damit ist es nicht getan. Auf diese eingereichte Fassung stürzt sich nur ein Lektor mit gewetztem Rotstift und nimmt ihn nach allen Regeln der Kunst auseinander. Den rot massakrierten Text erhalte ich dann zurück und schau mir an, was noch zu retten ist. Das heißt, ich gehe seine Anmerkungen und Korrekturen durch und gebe mein Okay oder diskutiere eventuell noch über die ein oder andere Änderung.

Bei uns läuft der Kontakt per E-Mail und Facebook und die Änderungen über Word (Kommentare). Von vielen Übersetzern weiß ich auch, dass sie viel mit ihren Lektoren telefonieren.

Nach meinen erneuten Änderungen und Kommentaren geht der Text wieder zum Lektor zurück. Dann wird die finale Fassung erstellt und gesetzt. Meist bekommen die Übersetzer dann die Druckfahnen noch mal zur Durchsicht, bevor das Buch dann endgültig in den Druck geht.

Warum schreibe ich dies?

Wenn man mit dem Verlag ein Honorar vereinbart, sollte man darauf achten, dass das Honorar nicht nur die reine Übersetzungszeit abdeckt, sondern auch die vielen anderen Arbeiten, die noch nebenher anfallen.

Beispiel (ich halte die Zahlen extra einfach): Für hundert Normseiten (30 Zeilen á 60 Zeichen) Übersetzung erhält man z. B. 10 Euro pro Seite (was eigentlich viel zu wenig ist). Das sind also 1000 Euro für die Übersetzung. Gehen wir mal davon aus, dass man eine Seite pro Stunde übersetzt bekommt (eigentlich zu wenig). Das macht dann 100 Stunden Arbeit. 1000 Euro durch 100 Stunden Arbeit ergeben einen Stundenlohn von 10 Euro (viel, viel zu wenig!!!!, der Preis pro Seite sollte mindestens zwischen 13 und 20 Euro liegen, im Hardcoverbereich kann es schon mal bis zu 24 Euro geben.)

Jetzt kommt das große aber: Mit den 100 Stunden Übersetzungsarbeit ist es ja nicht getan. Danach steht erst die erste Fassung. Die muss dann auf noch mal auf Tipp-, Grammatik-  und Übersetzungsfehler durchgeschaut werden. Das passiert dann zwar auch beim Verlag, aber ich möchte ja keine grauseligen Text abgeben.

In den hundert Stunden ist auch noch nicht die Zeit dabei, die man benötigt, um bestimmte Begriffe zu recherchieren. Übersetzt man einen Wissenschaftsthriller, ein Buch mit vielen Slangausdrücken, einen Seefahrerroman oder sonst was Spezielles, kann noch eine Menge Recherchearbeit hinzukommen, damit man die ganzen Fachbegriffe auch richtig übersetzt.

Ist der Text sprachlich besonders anspruchsvoll, könnte es gut sein, dass man mit einer Stunde pro Seite nicht auskommt, weil man besonders sorgfältig und einfallsreich sein muss, um einen guten Text hinzubekommen. Wenn jemand wie John Irving jahrelang an seinen Sätzen feilt, dann kann man die Übersetzung nicht mal so aus dem Handgelenk schütteln.

Dazu kommt auch noch sonstige Büroarbeit. Rechnungen schreiben, sich um die Steuer kümmern und vor allem, sich um die Akquise kümmern, also darum, dass man neue Übersetzungsaufträge an Land zieht. Das ist alles Arbeitszeit, die man nicht bezahlt bekommt.

Über diese finanziellen Hürden sollte man sich im Klaren sein, wenn sich für diesen Beruf interessiert.

Ach ja, es gibt ja auch eine prozentuale Beteiligung an den Verkäufen. Nach allem, was ich bisher aus Gesprächen mit Übersetzern gehört habe, die schon teilweise 20 Jahre im Beruf sind, erhält man so gut wie nie Tantiemen, die sich wirklich lohnen. Da muss man schon einen Besteller á la Dan Brown, Stephen King oder Terry Pratchett übersetzen.

Im nächsten Blogeintrag geht es dann um die Vor- und Nachteile der freiberuflichen Tätigkeit.

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